„Normalerweise rufe ich den Vermieter an, Sarah“, platzte David heraus und rieb sich die Schläfen. „Aber ich kann ihn nicht anrufen, weil ich die Kaution noch nicht vollständig bezahlt habe. Er geht nicht auf meine Nachrichten.“
Leo saß auf seiner Matratze, dem Einzigen, was sie aus seiner alten Wohnung retten konnten. Sein Handy, mit dem er den „Streich“ gefilmt hatte, war weg; die Polizei hatte es als Beweismittel beschlagnahmt. Er benutzte ein altes, kaputtes Prepaid-Handy, das David in einer Schublade gefunden hatte.
Er hatte sich über ein öffentliches WLAN in die sozialen Medien eingeloggt. Die Kommentarspalte, die einst voller „Likes“ und „Haha“ gewesen war, glich nun einem Schlachtfeld. Das Video war durchgesickert – nicht die „lustige“ Version, die er sich gewünscht hatte, sondern die vollständige Aufnahme, auf der seine Großmutter vor Lachen nach Luft schnappte.
“Eine absolut schreckliche Familie.”
„Ich hoffe, die Erbschaft hat sich gelohnt. Oh warte, er hat dir den Geldhahn zugedreht! LOL.“
„Ich ging mit diesem Jungen zur Schule. Er war immer ein Tyrann.“
Seine „Freunde“ hatten sich nicht gemeldet. Seine Freundin hatte ihn blockiert. Er war nicht mehr der „coole Typ“ mit Pool und Sportwagen; er war nur noch ein Jugendlicher unter Bewährung, der 200 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten musste, darunter die Reinigung des Parks, in dem sich der See befand.
Traditionell war der Sonntag der Tag, an dem Oma sechs Stunden in der Küche verbrachte, um einen Braten für sie zuzubereiten.
An diesem Sonntag versammelte sich die „Familie“ um einen Eimer billiges Brathähnchen. Die Stille war ohrenbetäubend. Niemand beschwerte sich über die Würzung. Niemand bediente sie mit Begeisterung.
„Vielleicht sollten wir sie einfach anrufen?“, flüsterte Leo und blickte auf das fettige Hähnchen. „Sagen wir ihr, dass es uns leid tut? Sagen wir ihr, dass ich meine Lektion gelernt habe?“
David sah seinen Sohn an. Er sah dieselbe Arroganz, die er jahrelang gehegt und gepflegt hatte. „Er geht nicht ran, Leo. Ich hab’s versucht. Sein Anwalt hat meine Nummer blockiert. Er hat die Schlösser und das Telefon ausgetauscht, und anscheinend verkauft er laut Bank das große Haus und zieht in eine Wohnung in der Innenstadt.“
Sarah lachte bitter auf. „Er gibt unser Geld aus.“
„Nein, Sarah“, sagte David, dessen Stolz unter der Last der letzten Woche endgültig zusammenbrach. „Sie gibt ihr eigenes Geld aus. Wir sind nur diejenigen, die ihr beim Ertrinken zugesehen haben.“
Auf der anderen Seite der Stadt saß Oma auf ihrem neuen Balkon und beobachtete den Sonnenuntergang. Sie hatte Sushi für eine Person bestellt, und zum ersten Mal seit vierzig Jahren musste sie sich nur um sich selbst kümmern.