Die Wache der Mutter
Linda Chen hatte ihr Leben auf dem Glauben aufgebaut, dass bedingungslose Liebe jedes Hindernis überwinden könne. Als alleinerziehende Mutter, die in der medizinischen Forschung arbeitete, verstand sie die Bedeutung systematischer Problemlösungsansätze, doch ihre berufliche Expertise schien ihr im Umgang mit den Verhaltensauffälligkeiten ihres Sohnes nutzlos.
Die Wohnanlage, in der sie lebten – ein bescheidenes Reihenhaus in einer Mittelklassesiedlung –, war zu einer Festung der Verleugnung geworden. Dort redete sich Linda ein, jeder Vorfall sei eine Ausnahme, jede Verhaftung ein Fehler, den Therapie und mütterliche Fürsorge eines Tages wiedergutmachen würden. Ihre Pläne für Marcus’ Zukunft umfassten Stipendien für ein Studium, beruflichen Erfolg und das stabile Familienleben, für das sie so hart gearbeitet hatte.