Die Theorie passte zu etwas, das die Familie schon immer beunruhigt hatte: Julián war ein erfahrener Wanderer. Es ergab keinen Sinn, dass er auf einem mittelschweren Wanderweg verschwinden sollte. Hätte er aber aus irgendeinem Grund eine alternative Route gewählt, vielleicht um sich vor einem plötzlichen Unwetter in Sicherheit zu bringen, wäre es plausibel gewesen, dass er versucht hätte, sich anhand der Wegmarkierungen zu orientieren.
Sechs Meter weiter fanden sie den zweiten Hinweis: einen kleinen Metallbehälter mit einem Verfallsdatum zwei Jahre nach seinem Verschwinden. Das gab ihnen Rätsel auf. Es schien darauf hinzudeuten, dass jemand, nicht unbedingt Julián, nach 2020 Lebensmittel dorthin gebracht hatte.
„Könnte es sein, dass jemand diesen Riss als Versteck benutzt hat?“, fragte einer der Techniker.
„Oder dass jemand Julián und Clara gefunden hat“, erwiderte Morel. „Und es nicht gemeldet hat.“
Von da an wurde der Abstieg schwieriger. Der Riss weitete sich an einer Seite und bildete eine unregelmäßige Höhle. Als sie die Gegend mit einer Taschenlampe absuchten, entdeckten sie etwas, das wie ein kleines provisorisches Lager aussah: die Überreste einer Heizdecke, eine leere Dose, ein kurzes Seil und ganz unten ein teilweise feuchtes Notizbuch.
Morel öffnete es vorsichtig. Viele Seiten waren unleserlich, aber einige Wörter waren erkennbar: „kommt nicht hoch“, „warte“, „verletzt“, „wir hören Stimmen“. Es gab keine Namen, aber die Handschrift schien von Julián zu stammen.
Der verstörendste Satz stand auf einer zentralen Seite:
„Ich kann mich nicht bewegen. Sie muss hierbleiben…“
Der Satz endete dort, abgebrochen, als hätte Julián abrupt aufgehört zu schreiben.
„Hier ist etwas Ernstes passiert“, sagte Morel. „Julian wurde verletzt, aber Clara lebt noch.“
Die wahrscheinlichste Hypothese war, dass sie nach einem Teilsturz eingeschlossen worden waren. Doch eine entscheidende Information fehlte: Keine der Leichen war zu finden. Angesichts der Tiefe der Höhle war es unwahrscheinlich, dass sie spurlos entkommen konnten.
Bei der Erkundung der Höhle entdeckte einer der Retter Markierungen an der Wand: drei vertikale Linien, die sich mehrmals wiederholten, wie ein rudimentärer Code, der möglicherweise zum Zählen der Tage diente.
„Es sind mindestens dreißig Markierungen“, berichtete er.
Dreißig Tage. Ein Monat gefangen.
Der Druck der Medien nahm zu, und die Polizei weitete das Suchgebiet aus. Erstmals tauchte eine zuvor undenkbare Hypothese auf: die Beteiligung einer weiteren Person.
Diese Theorie wurde noch verstärkt, als am Ende des Tages ein Retter ein modernes und relativ neues Seil fand, das weder Julián noch Clara noch den in dem Gebiet tätigen Teams gehörte.
„Jemand war schon einmal hier“, sagte Morel und blickte zu dem Berg hinüber, als ob dieser ihm antworten könnte.
Doch der Berg schwieg.
Was sie jedoch am nächsten Tag vorfanden, sollte Bände über sie sprechen.
Der dritte Suchtag erwies sich als entscheidend. Die Erkundung erstreckte sich bis zum oberen Teil der Spalte, wo das Gestein eine Art vertikalen Korridor mit Felsvorsprüngen und kleinen Plattformen bildete. Experten sagten, ein Mensch hätte ihn kaum überqueren können … aber nicht ein neunjähriges Mädchen allein.
Zwanzig Meter von der Höhle entfernt fanden sie Spuren menschlicher Aktivität: schwache Fußabdrücke, als ob jemand auf Zehenspitzen hinaufgeklettert wäre. Das Merkwürdige war, dass sie zu neu schienen, um mit dem Zeitpunkt des Verschwindens übereinzustimmen.