Ein kleines Land vom Balkan steht plötzlich unter den besten Mannschaften der Welt. Was kaum jemand weiß: Hinter diesem Märchen steckt ganz viel Deutschland – und eine Geschichte, die mitten ins Herz trifft.
Es war kurz nach Mitternacht, als in Sarajevo, aber auch in Frankfurt, Stuttgart und Wien die Korken knallten.
Tausende Menschen lagen sich in den Armen, Autokorsos zogen durch deutsche Innenstädte, blau-gelbe Fahnen wehten aus den Fenstern. Bosnien und Herzegowina hatte geschafft, wovon ein ganzes Volk seit Jahren träumt.

Kerim Alajbegovic (#19) aus Bosnien und Herzegowina feiert sein Tor in der ersten Halbzeit des Spiels der Gruppe B der FIFA-Weltmeisterschaft 2026 gegen Katar im Seattle Stadium am 24. Juni 2026 in Seattle, Washington | Quelle: Getty Images
In der Nacht zum Mittwoch besiegte Bosnien im letzten Gruppenspiel Katar mit 3:1.
Den Auftakt machte der erst 18-jährige Kerim Alajbegović mit einem Traumtor (29.), kurz darauf fälschte Katars Sultan Al-Brake eine Hereingabe von Edin Džeko unglücklich ins eigene Tor ab (34.). Hassan Al-Haydos verkürzte zwar noch vor der Pause (42.), doch Joker Ermin Mahmić sorgte in der 81. Minute für die Entscheidung.

Ermin Mahmic #26 (C) aus Bosnien und Herzegowina jubelt nach dem 3:1-Sieg seiner Mannschaft im Spiel der Gruppe B der FIFA-Weltmeisterschaft 2026 zwischen Bosnien und Herzegowina und Katar im Seattle Stadium am 24. Juni 2026 in Seattle, Washington. | Quelle: Getty Images
Mit vier Punkten und einem Torverhältnis von minus eins zitterten sich die “Zmajevi” (die “Drachen”) als einer der besten Gruppendritten ins Sechzehntelfinale.
Für viele große Fußballnationen wäre das Erreichen der K.-o.-Runde eine Selbstverständlichkeit. Für Bosnien ist es ein historischer Moment: Bei erst der zweiten WM-Teilnahme der Landesgeschichte (nach 2014) hat es eine Mannschaft erstmals überhaupt über die Vorrunde hinaus geschafft – und kämpft nun weiter um den großen Traum.

Edin Dzeko (#11) aus Bosnien und Herzegowina feiert sein Tor gemeinsam mit seinen Mannschaftskollegen in der ersten Halbzeit des Spiels der Gruppe B der FIFA-Weltmeisterschaft 2026 gegen Katar im Seattle Stadium am 24. Juni 2026 in Seattle, Washington. | Quelle: Getty Images
Doch was hat Deutschland damit zu tun?
Eigentlich eine ganze Menge.
Denn wer genau hinschaut, entdeckt im bosnischen Aufgebot überraschend viel Bundesliga. Gleich acht Spieler des Kaders wurden in Deutschland geboren oder stehen bzw. standen bei deutschen Klubs unter Vertrag. Der deutsche Fußball, von den Nachwuchsleistungszentren bis zu den großen Stadien, hat viele dieser Jungs erst zu Profis gemacht.

Die Flaggen von Bosnien und Herzegowina, Deutschland und der Europäischen Union | Quelle: Getty Images
Kerim Alajbegović
Der jüngste der Truppe ist ein echtes Kind Deutschlands: Alajbegović wurde in Köln geboren und ist gerade einmal 18 Jahre alt. Gegen Katar schoss er mit einem sehenswerten Distanzschuss das wichtige 1:0. Aktuell spielt das Offensivjuwel für RB Salzburg – und wechselt schon bald in die Bundesliga zu Bayer Leverkusen.
Ermedin Demirović
Geboren in Hamburg, ausgebildet beim HSV – Demirović ist durch und durch ein Produkt des deutschen Fußballs. Heute ist der Stürmer einer der zuverlässigsten Torjäger des VfB Stuttgart und kam in dieser Bundesliga-Saison auf 13 Treffer. Gegen Katar zwang er Al-Brake zum Eigentor.
Dženis Burnić
Burnić kam im westfälischen Hamm zur Welt und durchlief die Jugend von Borussia Dortmund. Er lief sogar viermal für die deutsche U21 auf, ehe er sich bewusst für das Land seiner Familie entschied. Zuletzt stand der Mittelfeldspieler beim Karlsruher SC unter Vertrag.
Nikola Vasilj
Beim FC St. Pauli wurde Vasilj groß: Fünf Jahre lang hütete er am Millerntor das Tor und wurde dort zur unangefochtenen Nummer eins der Nationalmannschaft. Nach dem Abstieg der Hamburger verließ der Torwart den Klub im Sommer 2026 – seine Geschichte aber bleibt eine deutsche.
Nikola Katić
Der robuste Abwehrchef ist in Deutschland bestens bekannt: Katić verteidigt für den FC Schalke 04 – Seite an Seite mit keinem Geringeren als Kapitän Edin Džeko. Auf Schalke gehört der Innenverteidiger zu den Führungsspielern.
Haris Tabaković
Tabaković zählt zu den besten Stürmern der Bundesliga: In dieser Saison traf er für Borussia Mönchengladbach 13-mal. Seine Eltern flüchteten während des Krieges aus Bosnien – und als er sein Debüt für die Nationalmannschaft seiner Wurzeln gab, rührte das seinen Vater zu Tränen.
Sead Kolašinac
Geboren in Karlsruhe, groß geworden beim FC Schalke 04 – Kolašinac ist der erfahrene Anführer der bosnischen Abwehr. Sein einstiger Trainer Arsène Wenger nannte ihn einmal einen der stärksten Spieler, die er je trainiert habe. Heute läuft der Routinier für Atalanta Bergamo auf.
Edin Džeko
Und dann ist da noch er: die lebende Legende. Mit 40 Jahren ist Edin Džeko Kapitän, Rekordtorschütze und das Gesicht des bosnischen Fußballs – gegen Katar bestritt er sein 150. Länderspiel. In Deutschland feierte er einst als Meister mit dem VfL Wolfsburg große Triumphe; heute ist er der gefeierte Aufstiegsheld des FC Schalke 04.
Der Trainer, den Deutschland nie vergessen hat
Wer das bosnische Wunder verstehen will, muss über einen Mann sprechen: Sergej Barbarez.
Für eine ganze Generation von Bosniern ist sein Name untrennbar mit Deutschland verbunden – und mit einer der dunkelsten Phasen ihrer Heimat.
1991 besuchte der junge Barbarez seinen Onkel in Hannover. Just in jenen Tagen begannen in der Heimat die Unruhen, die ein Jahr später im Bosnienkrieg gipfelten. Sein Vater verbot ihm die Rückkehr – und rettete ihm damit womöglich das Leben.

Sergej Barbarez, Cheftrainer von Bosnien und Herzegowina, blickt vor dem Spiel der Gruppe B der FIFA-Weltmeisterschaft 2026 zwischen Bosnien und Herzegowina und Katar am 24. Juni 2026 im Seattle Stadium in Seattle, Washington, auf das Spielfeld. | Quelle: Getty Images
Während seine Heimat zwischen 1992 und 1995 blutete, baute Barbarez in der Ferne eine große Karriere auf. Über Hannover, Union Berlin, Hansa Rostock und Borussia Dortmund führte sein Weg zum Hamburger SV, wo er von 2000 bis 2006 zum Publikumsliebling wurde.
330 Bundesliga-Spiele, 95 Tore, 2001 sogar Torschützenkönig: Barbarez war mehr als ein Fußballer. Er war für viele geflüchtete Bosnier ein Strahlemann, ein Vorbild, ein Botschafter eines Landes mit ungewisser Zukunft. Bei einer Pressekonferenz äußerte Barbarez:
“Ich freue mich auf die Möglichkeit, Geschichte zu schreiben!”
Heute steht er als Nationaltrainer an der Seitenlinie – sein allererster Trainerjob. Und er hat aus einem am Boden liegenden Fußball-Land wieder eine stolze Mannschaft geformt. In Bosnien ist er längst ein Volksheld.

Sergej Barbarez, Cheftrainer von Bosnien und Herzegowina, reagiert während des Spiels der Gruppe B der FIFA-Weltmeisterschaft 2026 zwischen der Schweiz und Bosnien und Herzegowina im Los Angeles Stadium am 18. Juni 2026 in Los Angeles, USA | Quelle: Getty Images
Auch gegenüber der FIFA fand der Trainer zutiefst emotionale Worte:
“Es ist eine große Ehre und zugleich eine enorme Verantwortung, mein Heimatland als Nationaltrainer zu vertreten. Am meisten stolz bin ich auf die Atmosphäre und den Zusammenhalt, den wir im Team geschaffen haben.”